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Organspende und Ethik: Lektionen aus vier europäischen Ländern
Manchmal übernimmt ein Pflegeteam mehrere Rollen: Es stellt fest, dass eine weitere Behandlung nicht sinnvoll ist, bestätigt den bevorstehenden Tod und bespricht die Organspende mit den Angehörigen. Kann dies zu einem Interessenkonflikt führen?
Eine internationale Studie in vier Ländern zeigt, dass Transparenz, Klarheit über die Rollen und empathische Kommunikation überall entscheidend sind, um das Vertrauen der Familien zu bewahren.
Publikation
Mapping and Handling Conflicts of Interest in Deceased Organ Donation: How to Handle Ethical Issues and Build Trust in the Healthcare Team
Autoren: David Shaw, Nichon Esther Jansen, Alicia Pérez-Blanco, Anne Floden, Rutger Jan Ploeg, Jessie Cooper, Tineke Jentina Wind, Dale Gardiner – im Namen der ELPAT Deceased Donation Working Group.
Transplant International, Oktober 2025
Ethische Dilemmata
Bei einer infausten Prognose auf der Intensivstation oder in der Notaufnahme treffen zwei sensible Themen aufeinander: die Versorgung eines sterbenden Patienten und das Ansprechen der Organspende bei den Angehörigen. Pflegefachkräfte müssen kontinuierlich zwischen optimaler Patientenversorgung, klarer Kommunikation mit den Angehörigen und der sorgfältigen Unterstützung der Spende abwägen.
Wichtige ethische Fragen:
- Wer führt das Spendegespräch mit den Angehörigen?
- Darf dies derselbe Arzt sein oder muss dies eine andere Fachkraft übernehmen?
- Wie verhindert man, dass Angehörige an den Absichten des Arztes zweifeln?
Europäische Forschung
Untersuchungen in Schweden, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Spanien zeigen, dass es keinen universellen Ansatz gibt. Jedes Land trifft eigene Abwägungen auf Basis von Kultur, Gesetzgebung und Organisation. Im Mittelpunkt steht die Wahl zwischen Kontinuität der Versorgung oder einer klaren Trennung der Rollen. In der Praxis gibt es viele hybride Formen.
Wie ist dies in den vier europäischen Ländern geregelt?
Schweden
- Das Spendegespräch wird meist vom Intensivmediziner und der Intensivpflegekraft geführt. Manchmal ist eine spezialisierte Spende-Pflegefachkraft beteiligt.
- Die Wahrnehmung der Intensivmediziner ist, dass es ein ‚Verrat‘ wäre, dieses Gespräch an jemand anderen zu übertragen, aufgrund der bestehenden Vertrauensbasis zwischen dem Intensivmediziner und der Familie.
Niederlande
- Der Intensivmediziner oder behandelnde Arzt führt das Überbringungsgespräch der schlechten Nachricht und das Spendengespräch meist gemeinsam mit einer Intensivpflegekraft, nachdem das Spenderregister konsultiert wurde.
- Es könnte ein potenzieller Interessenkonflikt vorliegen, da der behandelnde Arzt auch die Person ist, die die Familie über den bevorstehenden Tod des Patienten informiert und das Gespräch vor der Spende führt. Dennoch sehen Ärzte es als ihre Aufgabe an, die Spende mit der Familie zu besprechen.
Vereinigtes Königreich
- Der Abbruch der Behandlung erfordert die Zustimmung von zwei leitenden Ärzten.
- Spendengespräche werden von einem multidisziplinären Team geführt.
- Es ist eine Specialist Nurse Organ Donation (SNOD) beteiligt. Ärzte empfinden dies als entlastend: Sie können sich auf die Entscheidungsfindung und die Pflege konzentrieren. Familien schätzen die spezialisierte Expertise und die Sorgfalt des Gesprächs.
Spanien
- Ein multidisziplinäres Team entscheidet über den Abbruch der Behandlung. Der Spenderkoordinator ist an dieser Entscheidung nicht beteiligt.
- Das spanische Modell basiert auf proaktiven, gut geschulten Koordinatoren, die alle Spendengespräche führen.
- Die Trennung der Rollen ist klar und sowohl in der Gesetzgebung als auch in der Kultur verankert.
- Die Spende wird erst besprochen, nachdem die Familie der palliativen Versorgung zugestimmt hat.
5 Tipps: Was können wir voneinander lernen?
Internationale Forschung zeigt, dass es keine universelle Vorgehensweise gibt: Jedes Land wählt ein eigenes Gleichgewicht zwischen Kontinuität der Versorgung und Trennung der Rollen. Die wichtigsten Lektionen sind:
- Seien Sie transparent bezüglich Rollen und Timing
Klarheit darüber, wer wann beteiligt ist, stärkt das Vertrauen von Familien und Fachleuten. - Evaluieren Sie die Rollenverteilung im Verfahren
Machen Sie deutlich, wer Entscheidungen trifft, wer das Gespräch führt und wer die Spende koordiniert. - Erwägen Sie einen hybriden Ansatz
Lassen Sie Arzt und Spendekoordinator das Gespräch gemeinsam führen, um Kontinuität und Objektivität zu kombinieren. - Berücksichtigen Sie kulturelle und kontextuelle Unterschiede
Was in einem Land selbstverständlich ist, kann anderswo ein ethisches Dilemma darstellen. - Begleiten Sie Familien sorgfältig
Empathische Kommunikation hilft bei emotional belastenden Entscheidungen und stärkt das Vertrauen.
Nichon Jansen, Forscherin bei der Niederländischen Transplantationsstiftung, betont: „Es geht nicht um mögliche Interessenkonflikte, sondern vor allem darum, wie Familien dies wahrnehmen. Das Festhalten an einer Trennung der Rollen kann zu einer Diskontinuität in der Betreuung von Familien führen, die es bevorzugen, dass dieselbe vertraute Pflegekraft involviert bleibt.“
Interessantes Interview
Im Vereinigten Königreich wurden in den letzten Jahren große Fortschritte im Bereich der Organspende erzielt. Was können wir hier in den Niederlanden daraus lernen? Dr. Dale Gardiner berichtet darüber in einem Interview.
Lesen Sie das Interview