Evaluation: Qualitätsstandard für Organspenden in der Praxis
Sanne van Oosterhout (IQ healthcare Radboudumc) untersuchte Spendengespräche und die Anwendung des Qualitätsstandards für Organspenden (Kwaliteitsstandaard Donatie). Sie identifizierte 4 Gesprächsrouten.
10 september 2023
Wir wissen, dass Ärzte oft mit der „Kein Einwand“-Registrierung zu kämpfen haben. Sie fühlt sich nicht wie eine „Ja“-Registrierung an. In beiden Fällen liegt jedoch eine Zustimmung zur Organ- und Gewebespende vor. Die Forscherin Sanne van Oosterhout führte Interviews und Beobachtungen bei Organspendegesprächen durch.
Spendengespräch mit der Familie
Die Registrierung im Spenderregister wird meist mit der direkten Familie besprochen. Der Qualitätsstandard für Organspenden fördert ein einheitliches Spendengespräch. Im Qualitätsstandard ist festgelegt, mit wem man dieses Gespräch gesetzlich führt und welche Rolle die Hinterbliebenen spielen.
Was ist der Qualitätsstandard für Organspenden?
Der Qualitätsstandard für Organspenden wurde im Rahmen des neuen Spendergesetzes von 2020 entwickelt. Laut Gesetz ist jeder in den Niederlanden ab 18 Jahren im Spenderregister eingetragen. Wenn man seine Wahl nicht aktiv angibt, steht man mit einer „Kein Einwand“-Registrierung im Spenderregister. Das bedeutet Zustimmung zur Spende.
Ansatz der Untersuchung
Die Untersuchung ist eine qualitative Evaluation von Spendengesprächen in der Praxis.
- In 8 niederländischen Krankenhäusern
- 29 Spendengespräche begleitet
- Interviews mit beteiligten Fachkräften und Familienmitgliedern im Anschluss
Vier Routen für die Gesprächsführung
Sanne: „Wir sehen, dass Ärzte das Spendengespräch auf unterschiedliche Weise führen. Es lassen sich vier Routen unterscheiden.“
„Bei der Zustimmungsroute geht es um eine 'Ja'-Registrierung. Der explizite Wunsch des potenziellen Spenders ist klar und ein Spendenverfahren wird relativ einfach eingeleitet. Bei den anderen drei Routen liegt eine 'Kein Einwand'-Registrierung vor. Diese bringt mehr Unsicherheit mit sich. War dies tatsächlich der Wunsch des Patienten? Der Arzt nutzt das neue Spendergesetz als Einleitung für das Gespräch und prüft, ob die Spende wirklich der Wunsch des Patienten ist.“
„Bei der Route der vermuteten Zustimmung gibt es oft ein Wiedererkennen bei der Familie, wodurch weniger oder keine Unsicherheit mehr über die Registrierung besteht.“
„Eine weitere Route bei der 'Kein Einwand'-Registrierung ist die Konsensroute. Der Arzt sucht den Konsens bei der Familie, wenn diese die Registrierung nicht erkennt oder wenn Widerstand gegen die Spende besteht. Die Familie bekommt das Gefühl, mitentscheiden zu dürfen, und der Arzt möchte einen Konflikt vermeiden.“
„Bei der Familien-Zustimmungsroute folgt der Arzt dem Wunsch der Familie oder suggeriert, dass sie eine Wahl treffen dürfen. Das Ziel des Arztes ist vor allem, eine optimale Trauerbegleitung zu bieten. Die Zustimmung, die eigentlich bereits vorlag, geht dabei oft verloren. Bei dieser letzten Route ist die Belastung für die Familie und den Arzt groß.“
Empfehlung:
- Beginnen Sie bei Schulungen zum Spendengespräch mit der Zustimmungsroute und der Route der vermuteten Zustimmung.
- Fokussieren Sie sich im Gespräch auf die gesetzliche Zustimmung aus der Registrierung.
Warum diese vier Routen?
„Wir sehen, dass Ärzte ständig das Gefühl haben, zwischen fünf Zielen balancieren zu müssen. Sie wollen:
- das Gesetz befolgen
- den Wunsch des potenziellen Spenders erfüllen
- Konsens mit den Hinterbliebenen erreichen
- den Hinterbliebenen Raum für eine optimale Trauerbewältigung geben
- zu Spendergewebe und -organen für Patienten beitragen
Dieses Balancieren macht das Spendengespräch komplex, weshalb Ärzte unterschiedliche Routen wählen.
Erfüllen Ärzte in der Praxis den Qualitätsstandard?
„Einheitliche Gespräche als Ziel des Qualitätsstandards erweisen sich in der Praxis als nicht möglich und nicht wünschenswert. Jeder Arzt und jede Familie ist anders, und deshalb ist es auch jedes Spendengespräch.“
Was sind Alternativen oder Tipps für Ärzte?
„Ärzte können bei einer 'Kein Einwand'-Registrierung sagen: ‚Gemäß dem neuen Spendengesetz ist Ihr Angehöriger Spender. Es liegt eine Zustimmung im Spenderregister auf Basis von 'Kein Einwand' vor. Das möchte ich gerne mit Ihnen besprechen.‘ Ärzte erfahren hierbei Unterstützung durch das Spendengesetz.“
„Es ist gut, dann eine Stille zuzulassen und die Reaktion der Familie abzuwarten. Unsere Untersuchung wurde übrigens kurz nach der Einführung des neuen Gesetzes durchgeführt. Viele Ärzte waren noch ungeschult und unerfahren mit den ‚Kein Einwand‘-Gesprächen. Wir raten Ärzten daher auch, an Fortbildungen teilzunehmen.“
„Wir raten Ärzten, selbst über das Gespräch zu reflektieren, mit anderen Ärzten zu sprechen, zuzuschauen und voneinander zu lernen. Zum Beispiel, welchen Unterschied die Wortwahl macht.“
„Und außerdem ist es gut, Gesprächsrouten in Schulungen zu integrieren und zu üben, mit Ausnahme der Familien-Zustimmungsroute.“
Warum keine Familien-Zustimmungsroute?
„Die Familien-Zustimmungsroute wird häufig genutzt, wenn die Familie nicht über die Zustimmung auf Basis der 'Kein Einwand'-Registrierung informiert ist. Wir raten Ärzten dringend, diese Route zu vermeiden, da es sich für die Familie als belastend erweist, die Entscheidung treffen zu müssen. Zudem steht die Entscheidung des Spenders bereits im Spenderregister.“
Spielen Meinungen oder Vorlieben von Ärzten eine Rolle?
„Jeder Arzt hat einen individuellen Ausgangspunkt. Einfluss haben zum Beispiel persönliche Überlegungen zur Spende und zum Spendegesetz.“
„Darüber hinaus spielen frühere Erfahrungen des Arztes mit der Familie eine Rolle. Möglicherweise sind deren Ansichten und Gefühle zur Spende dem Arzt bekannt oder besser einzuschätzen. Auch der spezifische Arbeitskontext des Arztes ist von Einfluss, wie etwa die Gesprächsvorbereitung oder Vorwissen sowie die Erfahrung mit der Führung von Spendegesprächen.“
Kann Öffentlichkeitsarbeit helfen?
„Öffentlichkeitsarbeit über das Besprechen der Wahl im Spenderregister ist wichtig. Jedes Jahr im Oktober veranstaltet die NTS die Woche des Spendegesprächs. Diese öffentlichen Kampagnen der NTS regen das Gespräch mit Familie und Freunden an. Und eine gute sowie zuverlässige Aufklärung hilft bei der Entscheidung im Spenderregister.
Und darüber hinaus gibt es auch Kampagnen der Regierung, die sich vor allem auf die Registrierung konzentrieren. Die Kommunikation darf unserer Meinung nach etwas kreativer sein und stärker auf das Spendenverfahren ausgerichtet werden.“
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Es wurde auch eine Untersuchung dazu durchgeführt, wie Gewebespendegespräche in der Praxis geführt werden.